KWT H I ERB A CH

KW Thierbach. Ein altes Kohlekraftwerk in der Nähe von Chemnitz, das 1999 stillgelegt wurde und seit 2002 schrittweise rück- gebaut wird. Erst Anfang 2015 wurde hier das Kesselhaus gesprengt. Was bleibt ist eine faszinierende Ruine, der geöffnete Körper eines Hauses. Mit Offenlegung, Entblößung und Reduktion arbeiten auch Luise Ritter, Matthias Höhl und Robin Zöffzig. Die drei Kunstschaffenden wollen den Titel symbolisch verstanden wissen.

Was die drei Ausstellenden verbindet, ist ein nüchterner und sezierender Blick auf die sie umgebende Umwelt und die Unver- frorenheit, mit der das Vorgefundene, seien es nun gesehene Räume, Landschaften, Körper, Bilder aus der Kunstgeschichte oder Alltagsgegenstände und Waren, einem Aneignungs- und Umformungsprozess unterworfen wird.

 

Matthias Höhl unternimmt Neuinszenierungen von häufig übersehenen Alltagsgegenständen und untersucht diese auf einen möglichen neuen Bedeutungsgehalt hin. Oft sind es Gegenstände, die im Alltag oder in der Verkaufskette eine eher untergeordnete Rolle spielen, wie Verpackungsmaterial, Flaschenringe, Deckel, oder Haushaltsgummis. In ihrer Neuinszenierung verweisen sie auf den abwesenden Gegenstand, so etwa die Blumenkübel auf die abwesenden Blumen. So kann dem, was sonst oft übersehen wird, eine neue Wertschätzung zuteil werden. Poesie oder nüchternste Prosa. Matthias Höhl, geboren 1984 in Bad Salzungen, hat in Halle an der Saale und Leeds Freie Kunst studiert und beginnt im Oktober ein Meisterschülerstudium bei Thomas Rentmeister in Braunschweig.

 

Luise Ritters Zeichnungen eröffnen uns einen verblüffenden Blick auf die uns umgebende Wirklichkeit. Das Innere wird nach Außen gestülpt und sichtbar gemacht. Der/ die Betrachtende wird in die mit dem Zeichenstift abgemessene Welt hineingezogen und läuft Gefahr, sich in der Detailfülle der abgebildeten Räume, Straßenzüge und Landschaften zu verlieren. Oder möchte hier doch zumindest einen ausgedehnten Spaziergang unternehmen, da es einiges zu entdecken gibt. Angesichts der intim anmutenden Einblicke, die die Zeichnungen der Innenräume bieten, wird der Betrachter auch teilweise zum Voyeur. Auch ein leichtes Schwindelgefühl kann auftreten.
Der Raum spielt bei Luise Ritter eine wichtige Rolle, zum Einen der durch die Zeichnung konstruierte Bildraum, zum Anderen der Dialog mit dem Raum, in den die Zeichnung interveniert; ganz klassisch mit Stiften auf Papier im Rahmen oder unter Einsatz von verschiedenen Materialien wie Fenstermalfarbe und Karton, der skulptural geformt wird.
Luise Ritter wurde 1987 in Leipzig geboren und studierte in Halle an der Saale, Leipzig und Rom Freie Kunst, Illustration und Grafik.

 

In Robin Zöffzigs Arbeiten spielt der nackte und inszenierte Körper eine zentrale Rolle. In der psychologisierenden Darstellung erinnern die Bilder an Otto Dix und Max Beckmann. Der Künstler betont den dekorativen und käuflichen Charakter des Abge- bildeten und der Malerei als Objekt und unterläuft diesen Charakter zugleich durch lapidare und ungeschminkte Darstellungen, humoristische Elemente wie Überzeichnung, Collagierung, Fragmentierung, wilde Mischungen verschiedenster ikonographischer Bezüge aus Pop- und Subkultur, Kunstgeschichte, Ost und West. Dies gelingt ihm mit malerischer Souveränität. Robin Zöffzig, geboren 1984 in Magdeburg, studierte Malerei in Halle an der Saale und Tianjin (V.R. China). Er war Meisterschüler von Rainer Schade.

 

Text: Lydia Wahrig